Erdbeben der Stufe 7,7 in Panama: Ein Erfahrungsbericht
Aus aktuellem Anlass gibt es heute eine Sonderberichterstattung. Ein Schweres Erdbeben der Stärke 7,7 hat am 9. Oktober ganz Panama erschüttert. Auch Santa Fe blieb davon nicht verschont und alles was wir hier die letzten zehn Jahre aufgebaut haben, war im Begriff sich unter den aufschaukelnden Schwingungen in ein Trümmerfeld zu verwandeln. Vollkommen machtlos steht man daneben und schaut zu.
Ganz allgemein war es ja nicht das erste starke Erdbeben, welches ich miterlebt habe. Tatsächlich habe ich sogar an dieser Stelle schon vor über 15 Jahren davon berichtet. Damals in Christchurch in Neuseeland war es ein Beben der Stärke 5,1, dessen Epizentrum allerdings nur wenige Kilometer von mir entfernt war. Auch hier in Santa Fe hatten wir im Laufe der Jahre schon diverse kleinere Erdbeben so zwischen 3 und höchstens 4 auf der Richterskala.
Erdbeben dieser Stärke fühlt man nicht nur, sondern man beginnt sie auch zu hören. Ein oder zweimal klappern dann die Fenster, man vernimmt einen leichten Stoß und das war es dann auch schon wieder. Vergangenen Freitag um die Mittagszeit war das ein bisschen anders. Blauer Himmel und Sonnenschein, 28°C und wir waren gerade nach dem Mittagessen im Häuschen und wollten uns vor der nachmittäglichen Arbeit ein wenig entspannen.
Das Erdbeben begann wie auch sonst mit ein, zwei kleinen Bewegungen und ein bisschen klappern. Doch dann kam ein richtig intensiver Schlag gefolgt von dutzenden kräftigen Bewegungen über den Zeitraum von rund 30 bis 40 Sekunden. Was sich viele Leute nicht vorstellen können ist ja, dass die Zerstörungskraft eines Erdbebens nicht in erster Linie von dessen Intensität, sondern vor allem durch die Dauer beeinflusst wird.
Alles beginnt zu schaukeln und mit jedem neuen Schlag schaukelt es sich im wahrsten Sinne des Wortes auf. Meine PVC-Decke die ja aus hundert Einzelteilen besteht, klapperte und knarzte und vibrierte wie wahnsinnig. In Tat und Wahrheit bewegte sich aber das gesamte Haus samt Dachstuhl, der am Giebel bestimmt 10 cm hin- und herschaukelte. Wie versteinert blieb ich erstmal an meinem Schreibtisch sitzen.
Es war ein ohrenbetäubender Lärm. Die Fenster schepperten, die Insektengitter klapperten, das Geschirr in der Küche klirrte, die ersten Sachen fielen aus den Regalen und die Möbel begannen sich durch den Raum zu bewegen. Und mit jeder Sekunde und jedem Schlag wurde es schlimmer. Draußen angekommen war die Lage nicht besser. Die gesamte Vegetation raschelte und knackte als ob grade ein Wolkenbruch niedergehen würde.
Der Carport schaukelte gefährlich hin- und her, Yulys Blumentöpfe begannen umzukippen und meine Maschinen purzelten durch die Werkstatt. Jede einzelne Sekunde dauerte eine Ewigkeit und es gingen mir tausend Fragen durch den Kopf. In erster Linie natürlich wann es endlich aufhört, doch man fragt sich natürlich unmittelbar was gerade wo überall in sich zusammenfällt.
Schließlich wurden die Schläge wieder milder und in den letzten 10 Sekunden während die Erde noch bebte, lief ich schon mit klein Simon auf dem Arm um unser Häuschen und inspizierte die kritischen Stellen. Im gleichen Moment fiel der Strom aus, weshalb es auch leider keine einzige Videoaufnahme der Überwachungskameras bis zum Aufzeichnungsgerät schaffte.

Unserem Starlink haben wir aus gutem Grund einen Batteriepuffer gegönnt. Dadurch konnte ich mich unmittelbar während große Teile des Landes noch ohne Strom waren über die Geschehnisse informieren. Im ersten vollautomatisierten Bericht auf Google, nur wenige Minuten nach dem Ende des Erdbebens, war von einem geschätzten 7,0 Erdbeben rund 100 km südlich von uns die Rede.
Mittlerweile war Louis oben auf die Straße gerannt und von Markus, welcher wohl grad ganz oben am Hostel war, bekam ich eine Nachricht die wie folgt begann: „Es tut mir leid euch mitteilen zu müssen, dass im Hostel…“. Da hörte die Vorschau auf und ich musste erstmal die App öffnen um dann Folgendes zu lesen „… zwei Gläser zu Bruch gegangen sind“. Wenig später war ich oben angekommen und Tatsächlich standen alle Gebäude noch in einem Stück an genau den Stellen wo wir sie gebaut hatten.
Ich begann eine detaillierte Inspektion und begutachtete sämtliche Bauwerke auf der Finca. Alles was ich dabei finden konnte waren einige wenige Haarrisse und ein bisschen abgebröckelter Putz. Minimalste Schäden, wovon ein guter Teil wahrscheinlich schon vor dem Erdbeben da war. Unglaublich. Haben wir doch tatsächlich alles so gut gebaut, dass es einem so heftigen Erdbeben standhalten konnte.
Die Reaktionen aus aller Welt gingen mittlerweile ein. Der U.S. Geological Survey hatte das Beben zwischenzeitlich genauer analysiert und entgegen erster Schätzungen auf katastrophale 7,7 hochgestuft. Diametral entgegen kamen die Nachrichten aus Panama. Einige wenige Verletzte. Kein einziges Todesopfer. Nur einzelne eingestürzte Gebäude. Wie konnte das sein?
Naja, Panama ist halt nicht die Türkei, wo die Menschen den fehlenden Stahl dann unter Umständen mit ihrem Leben bezahlen müssen. Wir haben hier auch im Vergleich zu anderen Ländern der Region äußerst strenge Bauvorschriften. Und diese werden entgegen der landläufigen Vorurteile über ausufernde Korruption, Misswirtschaft und Baupfusch wohl doch tatsächlich befolgt und umgesetzt.
Das war auch immer mein Eindruck. Nicht etwa, dass Panama frei von Korruption wäre, aber sehr wohl, dass die Panamesen solide und massiv bauen. So kommt es auch, dass wir eigentlich niemanden kennen der beim Erdbeben sein Haus verloren hat. In den Gebieten näher am Epizentrum sieht das natürlich anders aus, doch durch die äußerst dünne Besiedlung in der Gegend sind die Schäden sehr begrenzt.
Rund zweieinhalb Stunden nach dem ersten Beben gab es dann mit 6,6 ein ansehnliches Nachbeben. Seitdem hatten wir wirklich ohne zu übertreiben hunderte Erdbeben, die meisten sehr klein aber wenn man die letzten Tage weltweit alle Erdbeben der Stärke 4,5 oder höher betrachtet, waren mehr als 30% davon hier im Umkreis von 100km.

Das ist für uns in unserer kurzen Lebenszeit definitiv was Neues, denn bisher waren die Erdbeben eher südlich oder nördlich vor der Küste, deutlich weiter weg und deutlich tiefer gelegen. Die sehr flachen Beben inmitten der Azuero Halbinsel gab es seit 1882 nicht mehr in dieser Stärke. Es ist das erste seit Beginn der modernen Messungen um 1900. Was bei mir direkt zu der Frage führt: Ist das nun das Ende oder erst der Anfang?
Tja, wir werden es mitbekommen. Ein letztes Detail noch zum Schluss: Wir sind hier am Häuschen grade wieder mal am Betonieren und ich hatte deswegen einen kleinen Betonmischer auf zwei Rädern hier stehen. Den hat das Erdbeben doch tatsächlich umgeschmissen, stellt euch das mal vor! Tja, wir leben in spannenden Zeiten. In dem Sinne, bis zum nächsten Mal!

