Hidden Jakarta Tour: Labyrinth am alten Fischmarkt

22.10.2015

Willkommen zurück zur Hidden Jakarta Tour mitten in den Slums von Jakarta. Die Einleitung im ersten Teil sollte euch bereits einen guten Eindruck verschafft haben. Es donnert grade wieder ein Zug vorbei, während ich mich mittels Dolmetscher mit einigen der Bewohner unterhalte. Trotz der erhöhten Lage auf dem Bahndamm ist es heiß und stickig, die Luft steht, die Sonne brennt vom Himmel und mir laufen die Schweißperlen von der Stirn.

Was macht man wenn man hier lebt? Obwohl Millionen von Menschen mit dem Versprechen von Arbeit und Wohlstand hierher gelockt wurden, schaffen es nur wenige überhaupt jemals wieder aus den Slums heraus. Arbeitsplätze gibt es kaum, neben Lumpensammlern und Straßenverkäufern findet man einzelne Glückspilze, die für die Mittelschicht als Putzfrauen oder Chauffeur arbeiten dürfen.  Ja, das ist direkt da hinten bei den prunkvollen und glitzernden Türmchen.

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Alle paar Minuten donnert hier ein Zug mitten durchs Wohnzimmer

Eine viel bessere Frage ist vielleicht noch die folgende: Warum macht man als wohlhabender westlicher Tourist überhaupt so eine Tour? Warum will man sich dieses Elend ansehen? Für ein paar tolle Fotos? Um mit einem Rucksack voller Malstifte die Welt zu retten? Wohl kaum. Nein, in solchen Momenten werde ich wütend, und gleichzeitig auch traurig, weil wir uns alle an dieses System und diese Zustände gewöhnt haben. Frei nach Christoph Sieber:

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Ein bisschen Abkühlung?

Wir müssen uns „das Gewöhnen“ abgewöhnen. Armut ist ein Geschäftsmodell. Wir wissen, dass unser Wohlstand auf Unrecht aufgebaut ist. Wir wissen, dass wir die Erde zerstören. Und wir können schon längst nicht mehr ignorieren, dass Andere arm sind, weil wir reich sind.

Neben all den schönen Fotos von Stränden, Reisfeldern und glitzernden Hochhäusern die ich hier so nett präsentiere, gehört auf jeden Fall auch eine Prise Realismus dazu. Deswegen bin ich hier, um mir selbst und auch euch, werten Lesern, ein Bewusstsein dafür zu schaffen. Mit der Tour unterstütze ich auch Ronny und seine Helfer dabei, Bildungsprojekte und medizinische Versorgung in den Slums zu finanzieren. Ich finde es ist ein fairer Abschluss für diese tolle Reise.

Es ging schließlich wieder runter von den Gleisen und zurück in die dunkle Höhle. Wenige Meter später waren wir unter einer Brücke beim „Fluss“ angekommen. Der Anblick erinnerte aber eher an eine schwimmende Müllhalde. Auch hier dutzende Wohneinheiten, Kinder, Eltern und Großeltern bahnen sich ihre Wege durch die schmutzigen Gassen. Ich erinnerte mich an einen Bericht in der Wirtschaftszeitung, wonach Indonesien von 2004 bis 2014 ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 5,8% verzeichnete. Interessant. Das Bevölkerungswachstum in Indonesien liegt übrigens unter einem Prozent.

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Was wird er vom Wirtschaftswachstum haben?

Wohin geht dieses Wachstum denn genau und wem kommt es eigentlich zugute? Von dieser Perspektive aus gesehen muss ich leider sagen: weder den Menschen noch der Umwelt. Wir liefen schließlich hoch zur Straße und fuhren noch einige hundert Meter mit dem Tucktuck Richtung Norden zum Sunda Kelapa, dem ehemaligen Fischmarkt am alten Hafen.

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Häuser wie Pilze

Empfangen wurde ich dort wieder sehr herzlich von einer Menge fröhlicher Kids. Mit einem Kind an jedem Finger lief ich halb gebückt durch ein Labyrinth aus Bretterverschlägen und Wellblechkonstruktionen. Der Fischgestank in der Luft gehört noch zu meinen bevorzugten Duftnoten. Schaut man über das grau-schwarze Wasser, wachsen die neuen Einkaufszentren und Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden.

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Coole Kids

Doch die Menschen hier leben von Dollar und Cent Beträgen am Tag, dementsprechend klein abgepackt sind auch sämtliche Bedürfnisse des täglichen Lebens. Seien es 10g Kaffeepulver, 10ml Seife oder 7g Süßigkeiten. Alles eingepackt in Plastiktütchen. Das Müllproblem wird dadurch jedenfalls nicht besser. Wir liefen eine Runde durch den Hafen und steuerten schließlich unsere letzte Destination, das Wohnzimmer einer jungen Familie, an.

Diese Familie lebt zu dritt auf wenigen Quadratmetern, in einer illegalen Siedlung am alten Hafen, umgeben von einer stinkenden Giftbrühe und endlosen Müllbergen. In ihrem Wohnzimmer befindet sich ein kleiner Röhrenfernseher, sogar ein Wasserspender mit sauberem Trinkwasser steht zur Verfügung. Man könnte also sagen das ist die obere Mittelschicht der Slumbewohner. Schließlich sind sie mit rund 3 Dollar pro Tag und Person weit entfernt von der offiziellen Definition von Armut.

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Zu Besuch bei einer jungen Familie in den Slums

Was für ein Hohn. Diese Menschen haben keinen Zugang zum Bildungssystem, kostenlose oder wenigstens leistbare medizinische Versorgung gibt es nicht, ihre politischen Vertreter existieren nicht und irgendwelche Rechte haben sie sowieso keine. Überspitzt gesagt könnte morgen der Bulldozer kommen und sie sind obdachlos. Wer krank wird stirbt sowieso. Wer kein Geld hat auch.

Soll dies also nun wirklich die Definition eines menschenwürdigen Lebens sein? So erschütternd das auf uns wirken mag, so leicht scheinen es viele hier aber auch wegzustecken. Eine andere Wahl haben sie nicht, eine andere Welt kennen viele auch einfach nicht. Ich habe das Gefühl sie sind anders. Natürlicher. Echter. Eine Erfahrung die ich schon in anderen vergleichbaren Gegenden der Welt gemacht habe.

Kann es sein das diese Menschen nicht korrumpiert sind von Geld, Besitz, Konsum und Überfluss? In manchen Aspekten wäre ein Leben im Slum sogar der Glitzerwelt vorzuziehen. Mit diesem Gedanken möchte ich den Eintrag abschließen, ein wenig mehr erfahrt ihr noch im bald folgenden letzten Teil.

 

 

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3 Antworten

  1. Alex sagt:

    Perfekte seiten für die Vorbereitung unseres nächsten Aufenthalts im Juni/Juli.
    Vielen Dank…

  2. Simon sagt:

    Sorry aber so einfach kann man es sich nicht machen. Natürlich können so wie wir leben nur einige hundert Millionen Menschen leben, aber eben genau WEIL der Kapitalismus das verschwenderischste und ineffizienteste System ist, dass der Planet jemals gesehen hat.

    „Erst wenn der letzte Baum gerodet, der letzte Fluss vergiftet, der letzte Fisch gefangen ist, werdet Ihr merken, dass man Geld nicht essen kann.“

    Wo ist die Definition für „lebenswert“? Gute Frage, ich bin kein Philosoph. Ganz sicher aber liegt sie nicht bei 1,25$ am Tag 🙂

  3. Michael sagt:

    Das Wirtschaftswachstum in diesen Ländern kommt auch vom enormen Bevölkerungswachstum, denn mehr Menschen brauchen mehr Wirtschaftsgüter, auch wenn es nur 10ml Seife sind.
    Kritik ist meist einfach geschrieben, weil viele Zustände offensichtlich sind, doch ich glaube nicht daran dass auf unserer Welt einige Milliarde der Milliarden Menschen so leben könnten wie wir. Daher – wie müsste denn das Leben dieser Menschen aussehen um „lebenswert“ nach deiner Definition zu sein ?
    Ich denke die Menschen leben gerne und empfinden ihr Leben sehr wohl als lebenswert und jeder Mensch strebt nach mehr, egal wie viel er hat. Also – wo ist die „Grenze“, was ist der Maßstab ?

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